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Über größenwahnsinnige Kommunalpolitiker

Ich stamme aus Magdeburg. Eine eher kleine Großstadt an der Elbe mit großer Geschichte und mäßiger Gegenwart, trotz Landeshauptstadt und Universität. Im Stadtbild Überreste der früher bestimmenden Schwerindustrie, eine Handvoll historische Gebäude und ein romanisches Kloster, welches längst kein Kloster mehr ist sondern Kunstmuseum und Konzerthalle mit schauerlicher Akustik. Sehenswürdig ist der Dom, 1363 geweiht und früheste fertig gestellte Kathedrale der Gotik auf deutschem Boden. Ansonsten viel Durchschnitt und wenig Großartiges – in einer Stadt, die in zwei Kriegen nahezu komplett zerstört wurde und beim Wiederaufbau hochfliegende, aber städtebaulich höchst fragwürdige Visionen verfolgte. So führten die Wiederaufbaupläne Otto von Guerickes nach dem Dreißigjährigen Krieg zu schnurgeraden, breiten Straßenschneisen, die sich bis heute durch eine technokratische Anmutung auszeichnen. Auf die verheerenden Zerstörungen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges folgten monumentale Großbauten im Stile des sozialistischen Klassizismus, dazu riesige Aufmarschstraßen und Aufmarschplätze für Großkundgebungen. Einhergehend mit dem Abriss vieler Kirchen entledigte man sich seines historischen Erbes und des gewachsenen Stadtgrundrisses gründlich. Glücklicherweise verhinderte die planvolle Mangelwirtschaft die allerschlimmsten Auswüchse und auf den freigelassenen Flächen entwickelte sich üppiges Stadtgrün, was zumindest aus heutiger Sicht etwas durchaus Versöhnliches hat.

Magdeburg ist bis heute eine Stadt mit Brüchen und Lücken, besonders in der Innenstadt. Von den ehemals kleinteiligen Quartieren blieb viel freie Fläche, überdeckt von Rasen und Baumkarrees. In der Goldgräberzeit der 1990er Jahre verwüsteten Investoren die Stadt mit aneinandergereihten Einkaufzentren, autogerecht erschlossen für Konsumenten, die zur Erfüllung ihrer Konsumbedürfnisse gar keine Stadt brauchen, werden doch alle Wünsche im Inneren der Center erfüllt. Die entstandene Leere im öffentlichen Stadtraum versucht man derweil mit allerlei Festen und Events zu übertünchen. Die Innenstadt hat drei besondere Stadtplätze. Am südlichen Rand der Hasselbachplatz, ein sternförmiger, gründerzeitlicher Verkehrsplatz, der sich in den letzten Jahren zu einem Zentrum des Kneipen- und Nachtlebens entwickelt hat. Der Domplatz mit barocker Prachtbebauung, in der heute der Landtag untergebracht ist. Mittig der Alte Markt mit dem Rathaus, der zentrale Platz, dem allerdings das Zentrum fehlt. Für ihn gibt es jetzt eine Vision. Er soll zu dem herausragenden Ort der Stadt werden. Und so zitierte die örtliche Tageszeitung Volksstimme am 28.02.2018 einen Stadtrat mit den Worten: „ich hoffe, dass es bis zum Kulturhauptstadtjahr einen Alten Markt gibt, wie ihn Paris nicht hat.“

Oha. Ein Platz, wie ihn Paris nicht hat. Ein großer Vergleich.

Deshalb ein Blick in die Erinnerungskiste des letzten Parisbesuchs. Da wäre der königliche Place de Vosges, wundervoll mit seinen Arkaden und Statuen, schattenspendenden Bäumen und großzügigen Rasenflächen. Da wäre der Place Vendome, auch ein königlicher Platz, mit prunkvollen klassizistischen Stadthäusern und der Triumph-Säule. Da wäre der Place de la Concorde, der größte Platz in Paris, verkehrsumtost und gleichzeitig prachtvoll. Da wäre der Place Igor-Stravinsky mit dem Stravinsky-Brunnen, dessen wundersame, wasserspeiende Figuren von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle an die Werke des Komponisten erinnern. Da wäre der Place de la Republique, nicht der schönste, aber der bedeutendste Platz für die Pariser Stadtgesellschaft und seit seiner verkehrsberuhigten Umgestaltung auch wieder alltäglich erfahrbar. …

Paris ist die Stadt der Plätze. Sie sind prachtvoll und prunkvoll, verspielt und lebendig, erlesen und einzigartig. Sie sind steingewordene Geste des Stolzes der Könige und der bürgerlichen Stadtgesellschaft.

Ein Alter Markt in Magdeburg, wie ihn Paris nicht hat? Der Alte Markt als kultureller Höhepunkt der Kulturstadtbewerbung? Tatsächlich ein hoher Anspruch. Für den internationalen Wettbewerb, unter dem geht es bei diesem Anspruch nicht, haben die Stadträte schon Vorschläge gemacht: „breitere Gehwege, neue Sitzgelegenheiten, Platz für Außengastronomie, Parkverbote, Beleuchtungskonzept, Stromversorgung für Märkte Events, Kunstwerke, neue Oberflächengestaltung, Begrünung“. Inspirierend klingt anders.

Doch ist der Alte Markt eigentlich ein besonderer, herausragender Platz? Historische Fotos zeigen einen typischen Marktplatz, einheitlich gepflastert, die Straßenbahn querte den Platz, in den Gebäuden Geschäfte und Cafés. Nichts Besonderes. Seine Qualität zog der Platz aus den kleinteiligen, barocken Bürgerhäusern, dem Rathaus und dem Gewirr der angrenzenden Straßen und Gassen. Mit den biederen Nachkriegsfassaden der 1950er Jahre kann der Platz diese Qualität schwerlich erreichen. Schlimmer ist aber, dass der Alte Markt nicht mehr in den Stadtgrundriss eingebettet ist. Kein Gewirr von Straßen und Gassen mit geschäftiger Eile, von dem aus man in die Freiheit des Platzes entlassen wird. Statt dessen Straßenzüge ohne Gebäude, große unbebaute Flächen mit Parkplatzödnis und Rasentristesse, die allenfalls als Hundewiese und für den Weihnachtsmarkt nützen. Hinter der historischen Rathausfassade ein Zweckbau, der der geneigten Besucherin die letzte Lust auf die Stadt nimmt. Und überall Zugluft, die von der Elbe bis zum Bahnhof kräftig und ungehindert durch die Straßenschneisen pfeift.

Plätze leben vom Wechselspiel zwischen Gebautem und Nichtgebautem. Plätze leben von der Inszenierung der Übergangszonen zwischen Öffentlichem und Privatem durch Geschäfte und Cafés, all das möglichst kleinteilig der Vielfalt wegen. Plätze erfordern eine grundsätzliche Festlegung, welchem Zweck sie dienen sollen. Erst diese Festlegung eröffnet Möglichkeiten für Besonderes. Plätze, die alles können sollen, sind selten besondere Plätze. Und die Oberflächengestaltung? Sie ist wichtig, aber letztlich nicht entscheidend dafür, ob ein Platz zu einem herausragenden Platz wird. Das zeigt sich an einigen, in den letzten Jahren aufwendig realisierten und dennoch öden Plätzen. Dazu immer wieder der Widerspruch zwischen vermeintlicher Belebung von Plätzen durch Großevents und alltäglicher Belebung. Das ist nicht nur, aber eben auch eine wirtschaftliche Frage. Wenn für die Events und Märkte die Bestuhlung weichen muss, gehen den Betreibern überlebenswichtige Einnahmen verloren. Und als Gast muss ich mir dann andere Plätze suchen udn komme eventuell nicht wieder.

Deshalb lohnt der Blick auf den Domplatz. Für viel Geld sehr aufwendig umgestaltet – mit Wasserspiel, Bäumen, Bänken, um ihn jeden Sommer für zehn Wochen mit einem Freilufttheater samt wenig ansehnlicher Stellagen und Zäune zu überbauen, so dass alle zaghaften Bemühungen der Belebung im Keime erstickt werden.

Der Anspruch, einen Marktplatz zu erschaffen, wie ihn Paris nicht hat, ist nicht nur vermessen, er ist falsch. Zu wünschen wäre Magdeburg einen Marktplatz, der den Bürgerinnen und Bürgern Raum gibt, der einlädt und seine Geschichte nicht verleugnet. Ein Platz, der aus dem wilden Konglomerat beliebig gestalteter Flächen und Bauwerke wirklichen Stadtraum schafft und die Stadt an dieser Stelle repariert. Dafür braucht es Mut, auch zur Bebauung der umliegenden Flächen, damit ein Platz entsteht, der zu Magdeburg passt. Denn das lässt sich von Paris in jedem Fall lernen: Plätze müssen zur Stadt passen und nicht umgekehrt. Ein möglicher Weg wäre ein zunächst städtebaulicher Wettbewerb für das Marktquartier zwischen Breitem Weg, Jacobstraße, Ernst-Reuter-Allee, und Julius-Bremer-Straße. Die Diskussion über die konkrete Gestaltung der Flächen sollte hingegen noch etwas warten.

Der Traum von lebenswerter Stadt … und warum unsere Städte doch meist immer gleich aussehen

Regelmäßig werde ich zu Vorträgen und Diskussionen über Stadtgestaltung eingeladen, gern mit dem Schwerpunkt auf Planung für Kinder und Jugendliche. Ich erzähle über Strategien und Konzepte und zeige launige Bilder von realisierten kinder- und jugendfreundlichen Stadträumen. (so hat es beispielsweise in Reutlingen davon mittlerweile einige und es freut mich jedes Mal, wenn ich sehe, wie intensiv die genutzt werden.) Ich spreche über die Gründe für erfolgreiche Projektentwicklung und lebenswerte Stadtgestaltung. Und ich mache das gern, die Diskussionen sind meistens interessant. Schließlich wünschen sich – nahezu alle Menschen – Planende udn Entscheider in freien Büros in den Stadtverwaltungen, Gemeinderäte, Bürgerinnen und Bürger – qualitätsvolle Stadtgestaltung.

Meist ist das Erstaunen groß, was alles in einer Stadt möglich ist, wenn man die Bedürfnisse der Menschen konsequent berücksichtigt, anstatt nur davon zu reden. Denn tatsächlich wird in Planungsprozessen immer noch zu wenig über die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer diskutiert, trotz aller Partizipation, obwohl das kaum jemand zugeben wird. Stattdessen reden über Funktionen, Sichtachsen, über übergreifende Gestaltungsziele und gestalterische Details, auf die es meist überhaupt nicht ankommt. All das wird aber verpackt in intellektuell hochtrabende Worthülsen, zum Beispiel von der Stadt der kurzen Wege, obwohl es keine Kneipe im Quartier gibt, die nächste Einkaufmöglichkeit der Supermarkt am Stadtrand ist, der öffentliche Freiraum nicht zum Aufenthalt einlädt, sich die Kinder auf dem Weg zum Spielplatz zwischen einer Armada parkender Autos durchschlängeln müssen, es zwar Gehwege gibt, diese aber nicht zum Gehen einladen.

Die Stadt der kurzen Wege scheint immer noch zu bedeuten, dass der Weg zwischen Wohnung und parkendem Auto möglichst kurz ist. Und überhaupt … wird diese Worthülse vor allem dort benutzt, wo die Stadt alles andere als menschenfreundlich ist.

Worüber reden wir in der Planung? Keine Frage, gute Gestaltung ist wichtig. Und doch verlieren wir uns häufig im Kleinklein der Gestaltung, dass wir dann mit den beschriebenen Worthülsen umschreiben, damit das Kleinklein nicht so auffällt. Wir diskutieren über die richtigen Steinformate, die Farbe von Steinen, das Aussehen von Bänken (als wäre nicht auch wichtig, wie sich auf ihnen sitzen lässt), über die die Art und Qualität von Bäumen, über die finale Barrierefreiheit, und, und, und.

Und dann reden wir offenbar leidenschaftlich gern über  nicht beachtete oder vermeintlich nicht beachtete Sicherheit, über Risse im Beton, über riskante Absturzhöhen von Kinderspielgeräten oder fehlende Wasserqualität von Brunnen, die am besten Trinkwasserqualität haben sollten, damit der letzte Sicherheitsfanatiker befriedigt ist, auch wenn das kompletter Unsinn ist. Nicht selten passiert all das nach dem Motto: wer am lautesten schreit hat Recht, befeuert auch von der örtlichen Presse, immer auf der Suche nach dem ultimativen Fehler der Planenden oder der Verwaltungen. Bei diesen Diskussionen zeigt sich ein weiteres Phänomen: das Phänomen des Schlechtredens und der Suche nach dem Haar in der Suppe.

Deutschland: Land der Nörgler und Meckerer. Deutschland: Land der immerwährenden Suche nach den Schuldigen. Deutschland: Land der Besserwisser. Deutschland: Land der ewig Unzufriedenen. (Anmerkung. Deutschland lässt sich hier durch beliebige Ortsnamen austauschen)

Und wenn mal etwas gelingt im Stadtraum … selbst dann finden sich die Meckerer und Nörgler: zu voll, zu steinern, zu wenig integriert, zu wenig Schatten, zu wenig Bäume oder zu viel Bäume, zu schnell kaputt oder abgenutzt, zu dreckig, die übersteigerte Sorge, dass das Wasser im Wasserspiel zu dreckig sei und die gefährliche Straße zu nah dran … oder … das Ganze einfach nicht schön. Denn in unserer neoliberalen Welt mit seinem Fokus auf absoluter individueller Selbstverwirklichung muss Stadtgestaltung immer auch JEDEM gefallen. So wird erbittert über Gestaltung, Wasserqualität oder schlecht wachsende Bäume diskutiert, über Kleinkinder auf Skateplätzen, über die Notwendigkeit von Zäunen, damit Bälle nicht auf die Straße rollen und was immer da noch in den Sinn kommen mag.

Viel zu wenig diskutieren wir über die tatsächlichen Bedürfnisse von Menschen, von Kindern und Jugendlichen. Über das, was wir als Erwachsene dafür tun können, damit Kinder und Jugendliche frei und bewegt aufwachsen können. Über das, was wir tun können, damit wir uns selbst wohlfühlen. Über das, was wir tun können, um Stadträume mit Anreizen für den Aufenthalt zu schaffen. Über das, was wir tun können, um gesichtslose, immer gleiche Stadträume zu vermeiden, frei von jeglichen Möglichkeiten für Aneignung. Diese gesichtslosen Stadträume entstehen übrigens auch deshalb, weil ängstliche Entscheider und Entscheiderinnen jegliche Fehler vermeiden und es allen Recht machen wollen (dabei ist doch bekannt, dass diese Kunst noch niemandem wirklich gelang) oder weil sie auch noch dem letzten in der Stadt ihren mittelmäßigen, von aller Kreativität freien und langweiligen persönlichen Gestaltungsgeschmack aufoktroyieren wollen.

Also: Erinnern wir uns häufiger an unsere eigene Kindheit und seien wir nicht so brav und langweilig. Erinnern wir uns daran, wie wir uns im Urlaub im Süden wohlfühlen, wo es nicht so geleckt ist wie bei uns. Seien wir großzügig, diskutieren über das Mögliche und versuchen das Unmögliche. Und freuen wir uns, dass wir das alles dürfen.

Die Kunst, in der Hängematte nicht vom Apfel erschlagen zu werden

Mit jedem Jahr wird es mehr: die rastlose Schnelligkeit, die hektische und ergebnisfreie Betriebsamkeit, der tägliche, ärgerliche Stau, der Zeit stiehlt und trotzdem nicht dazu führt, über Alternativen nachzudenken. Dazu die Gleichzeitigkeit des Tuns – Essen, Trinken, Denken, Musikhören, Lesen, Unterhalten, Telefonieren, Fühlen (?). Immer mehr in der gleichen Zeit, die dennoch nicht mehr wird. Mit jedem Jahr steigt die Angst vor Veränderung, während sich um uns herum gerade alles rasend schnell verändert. Oder die Angst vor Entscheidungen, als gäbe es überhaupt noch irgendetwas zu entscheiden. Die Angst vor Fehlern, als wären Fehler nicht einer der großen Antriebe für Entwicklungen. Angst vor Fragen, auf die es keine schnelle Antwort gibt. Oder die Beschränkung durch permanente Erreichbarkeit über Email, Smartphone, WhatsApp, Facebook und Co – und der Zwang der möglichst schnellen Reaktion darauf. Das Bedürfnis, noch das kleinste Erlebnis auf Fotos festzuhalten und in die Welt zu posten, um so von einem scheinbar erfüllten, anspruchsvollen und leichten Leben zu zeugen, dabei wird nur die Menge des Datenmülls immer größer. Der Stress vom Lärm – auf den Straßen, in der Luft, um uns herum und in uns drin. Lärm von vielen Leer- und Füllwörtern, Lärm auch in der Wortlosigkeit, als wäre Schweigen das erste Zeichen eines krachenden Weltuntergangs. Dabei geht die Welt spätestens jeden Morgen im Büro aufs Neue unter, ebenso vor Weihnachten und vor der Sommerpause. Mit jedem Jahr wird das mehr.

Nahezu das einzige Kontrastprogramm zu all dem ist die Urlaubszeit. Wobei es manchmal den Anschein hat, als würden nur weite und spektakuläre Reisen und das Reden und Posten darüber Befriedigung verschaffen. Und wie langweilig klingt denn auch Urlaub auf Balkonien oder Terrassien?

Ich bin gern unterwegs, im Grunde genommen das gesamte Jahr. Deshalb ist mir das Reisen in die Fremde auch manchmal eine Last, die mich erschöpft und vergessen lässt, dass Leben vor allem im Alltäglichen stattfindet. Ein Plädoyer für das HEIMBLEIBEN also.

Fast das Schönste am Heimbleiben ist, dass es mit Ferienbeginn schlagartig leer wird. Die Städte leeren sich (fast), die Dörfer auch. Kein morgendliches Rasen von eiligen Pendlern in der 30er Zone, keine Hupkonzerte an der Ampel, kein Drängeln beim Bäcker. Der Samstag im Dorf, in normalen Zeiten der lauteste Tag der Woche, ruht still – ohne das Geknatter der Rasenmäher und das geschäftige Hin und Her zwischen Grünschnittplatz und Grundstück. Die Restaurants sind leer oder haben geschlossen wegen Urlaub. Pizza gibt es daheim, schmeckt eh besser. Der Wochenmarkt mit seinen bunten Marktständen trödelt nach der Geschäftigkeit der letzten Wochen erschöpft vor sich hin. Der See erholt sich von den Invasionen der Badegäste an den letzten Julitagen. Kein Kindergeschrei auf der Liegewiese, das morgendliche Türkisgrün des Wassers muss nur noch mit den wenigen emsigen Schwimmerinnen und Schwimmern geteilt werden. Die quitschbunten Luftmatratzen und Badetiere aus billigem, stinkendem Kunststoff schwimmen jetzt im Mittelmeer. Einzig die Autobahn hat Dauerstau.

Schön am Heimbleiben ist das Wiederfinden der Vergänglichkeit, in der gleichzeitig die Zeit stehen bleibt. Altbekannte Lieblingsorte, immer gleich und jeden Tag anders. Das Spätsommerlicht, welches Waldwege und Bäche mit seinem spinnenumwobenen Licht verzaubert. Das belanglose Nachmittagsgespräch über den Gartenzaun hinweg, der Spaziergang auf staubigen Feldwegen und das nasse Gras am Morgen, dass den Herbst ankündigt. Die Jungschwalben, die sich nachmittags auf den Dachziegeln sonnen und dann mit kunstvollem Flügelschlag im Pulk Schnaken jagen. Das unermüdliche Klock-Klock vom Buntspecht. Der Geruch vollreifen und bereits fauligen Obstes, das dumpfe Geräusch fallender Äpfel. Der Spätsommerwind, der die ersten Nüsse vom Walnussbaum weht. Der Duft von Marmelade und süßem, klebrigem Saft, das Goldgelb frisch ausgegrabener Kartoffeln und die unvergleichliche Süße reifer Tomaten – direkt vom Strauch genascht. Der wunderbare Überdruss ob der Berge Äpfel, Zwetschgen und Sommerpfirsiche. Dazu Mostbirnen, für die es kaum noch Verwendung gibt, seit das Mosttrinken aus der Mode gekommen ist. Die angenehme Müdigkeit, wenn das Tagwerk vollbracht ist.

Langsamkeit und Gleichmut für eine Langeweile. Ein bisschen ist es so wie in den endlos langen Sommern der Kindheit. Es schafft Platz im Innern. Platzmachen für Leib und Seele.  Keine Zeitung und keine Nachrichten stören, in diesen Momenten lässt sich alles ausblenden: Flüchtlinge, Bienensterben, Klimawandel, Abgasbetrug. Die Welt dreht sich ein paar Wochen ohne uns.

Die einzige wirkliche Herausforderung in diesem Paradies ist die, in der Hängematte nicht von einem Apfel erschlagen zu werden.

Warum ich einen Blog schreibe

In meinem Berufsleben schreibe ich viel: Mails und Briefe, Projektanträge, Vorlagen für den Gemeinderat, Fachartikel, meine Dissertation. Manchmal lange Texte, manchmal kurze. Vor einigen Jahren habe ich Facebook für mich entdeckt. Und bei aller berechtigten Kritik an diesem Medium kommt es ja darauf an, was man damit macht. Facebook ist, zumindest für mich, eine wunderbare Möglichkeit für Fotos, Kommentare und den Diskurs.

Meine Themen? Stadt- und Freiraumplanung, Radfahren und Zu Fuß Gehen, Parks und Gärten, Häuser und das ZWISCHEN DEN HÄUSERN, Natur und Landschaft, Garten, Brunnen und Wasserspiele.

Warum? Es ist mein Beruf, aber es ist noch mehr. Ich laufe gern durch Stadt und Dorf, komme viel herum, beobachte gern – und ich diskutiere gern über das, was ich sehe, was mich bewegt, worüber ich mich ärgere oder freue.

Noch etwas kommt dazu.

Ich lebe auf dem Land – genauer gesagt im ländlichen Raum Baden-Württembergs in einem Dorf mit mehreren Ortsteilen und einigen schönen Fachwerkhäusern, mit schlechter ÖPNV-Anbindung, eher schrumpfender Bevölkerung und dennoch mehreren Neubaugebieten für viele neue Einfamilienhäuser. Ich lebe in einem Dorf mit drum herum Intensivlandwirtschaft und zum Glück noch einigen Streuobstwiesen, einem Biobauern und einigen Hofläden, mit kleinen Bächen, Baggerseen mit klarem Wasser und dem wundervollen Rhein. Ich mag die Nachbarschaft des Dorfes mit dem Gespräch über den Gartenzaun, die vollen Körbe mit Obst, die weitergegeben werden, wenn es für die einen zu viel wird. Wie vielerorts im ländlichen Raum ist es selbstverständlich, überall hin mit dem Auto zu fahren – und wenn es nur 100 Meter entfernt ist – obwohl es ein passables Radwegenetz gibt. Ich lebe in einem Dorf, in dem man Mitglied in einem Verein sein sollte, man sich als Bürger oder Bürgerin ansonsten aber kaum einbringen kann, was vielen offenbar egal ist. Mein Dorf und die Gegend drum herum sind lebenswert, aber nicht weil politisch sonderlich viel dafür getan wird (abgesehen von einigen wenigen Unermüdlichen), sondern weil es hier schon immer schön war. Gleichzeitig verändert sich das Land immer mehr, was am deutlichsten daran sichtbar wird, dass es für Insekten, Igel, Hasen und viele Vogelarten immer schwieriger wird zu überleben.

Ich lebe auch in der Stadt – genauer gesagt an drei Tagen in der Woche in einer Universitätsstadt in Baden-Württemberg. Diese Stadt hat eine hohe Geburtenrate und wächst gerade stark, weshalb Wohnungsmangel herrscht. Die Stadt hat einen hohen Anteil an Menschen mit Hochschulabschluss und scheinbar reden alle überall mit. Es ist eine Stadt, in der intensiv um politische Entscheidungen gerungen wird und eine Stadt, die den Umbau zur lebenswerten Stadt vor vielen Jahren begonnen hat. Der Anteil im Umweltverbund (Rad, Fuß, ÖPNV) liegt bei 76 % (Binnenverkehr). Diese Stadt ist so, wie ich mir eine lebenswerte Stadt wünsche: mit lebendigen und individuellen Stadtquartieren, einer wundervollen Altstadt und mit vielen Menschen auf der Straße, die dich anschauen und dich wahrnehmen, wenn du Ihnen begegnest.

Das eine wie das andere hat natürlich mit der örtliche Lage zu tun (Stadt/Dorf), es hat mit Stadtplanung zu tun und mit dem Verständnis für Grün und Freiräume, vor allem aber hat es mit Politik zu tun, mit der großen in Bund und Land und mit der Kommunalpolitik. In meinen beiden Wohnorten könnte dies kaum unterschiedlicher sein. Mein Dorf hat einen Bürgermeister, der sehr jung ist (von nicht wenigen Menschen wurde er gerade deswegen gewählt), den man kaum im Ort trifft, dessen Ideen für die Entwicklung des Dorfes nicht erkennbar sind (falls er welche hat), der offenbar nicht gern mit seinen Bürgern diskutiert und der die 2 km Arbeitsweg zum Rathaus jeden Tag mit seinem großen, wichtigen Auto fährt. Die Stadt hat einen Oberbürgermeister, der zu vielem etwas zu sagen hat, der die Diskussion mit seinen Bürgerinnen und Bürgern sucht, der beharrlich den ökologischen und sozialen Umbau seiner Stadt vorantreibt und der mit seinem E-Bike fröhlich von Termin zu Termin radelt.

Das ist der Spannungsbogen, in dem sich für mich Stadt- und Freiraumplanung bewegt. Und so habe ich zwei Labore – ein Stadtlabor und ein Dorflabor und freue mich, dass mir beide so viele Anregungen bieten. Und das muss man doch teilen, oder?