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Hühnerglück und Weltrettung

Eigentlich schreibe ich hier über Freiräume und Stadtpolitik –  nicht über Hühner. Doch irgendwie steht eben doch alles in einem großen Zusammenhang: Klimaschutz mit menschengerechter Stadtplanung, mit Artenvielfalt und sogar mit Hühnern.

Diese Woche wollte ich Hühner kaufen, um unseren Bestand an Hennen etwas zu verjüngen und zu vergrößern. Wie jedes Jahr. Dazu gibt es auf dem Dorf den Hühnerbus. Der kommt paar Wochen und liefert junge Hühner.

Normalerweise. Denn diesen Herbst gibt es keine jungen Hühner mehr zu kaufen, nirgendwo. Die privaten Hühnerhalter haben alle ihre Bestände vergrößert, um die wachsende Nachfrage nach Eiern zu befriedigen. Das ist eine gute Nachricht. Mehr Menschen wollen wieder Eier aus Kleinhaltungen und nicht mehr aus mehr oder weniger quälerischen Massenhaltungen. Hoffentlich hält der Trend an und ist nicht nur ein kurzfristiger Peak angesichts des zurückliegenden Fipronil-Skandals, der letztlich nur einer unter vielen und sicher nicht der letzte ist.

Erwartbar wäre in den letzten Jahren gewesen, dass die private Hühnerkleinhaltung ausstirbt. Zu viel Arbeit, zu viel Beschränkung und im Supermarkt gibt es schließlich immer ausreichend Eier. Die Veterinärämter scheinen private Hühnerhaltung ohnehin kritisch zu sehen und das Bundeslandwirtschaftsministerium ist immer noch mit den Großproduzenten verheiratet. So muss die Vorgabe, Hühner aus Kleinbeständen in Vogelgrippezeiten ganztägig in den Stall zu sperren, von genau solchen praxisfernen Bürokratiestühlen verordnet worden sein, die bei den Massentierhaltungen mit ihrem oft unendlichem Tierleid großzügig über Verstöße wegschauen und verkennen, dass das eigentliche Problem für die Vogelgrippe eher in den riesigen Massentierhaltungen im Norden Deutschlands liegen könnte.

Was heist eigentlich Kleinhaltung?

Kleinhaltung heisst beim Bauern nebenan kaufen oder bei Hobby-Haltern, so wie wir es sind. Das ist nicht zwangsläufig ökologischer. Aber aus Kleinhaltungen kaufen bedeutet vor allem: überschaubare Bestände mit  10 bis 50 Hühnern und nah. Gut für Mensch und gut für das Huhn.  Aus Kleinhaltungen kaufen, heisst Regionalität zu unterstützen und lokale Kreisläufe – beim Hühnermist und beim Futter, wenn das Getreide beim örtlichen Landhandel bezogen wird. Aus Kleinhaltungen kaufen heisst meistens auch, dass die Eierkäufer die Hühner kennenlernen wollen und sich dann auch damit auseinandersetzen, was Hühner fressen, wie Hühner leben und auch, dass sie nicht jeden Tag ein Ei legen und Sonntags schon gar nicht zwei.

An dieser Stelle in aller Deutlichkeit: Hühner sind nicht dumm. Sie leben in einer Horde mit einer sorgsam austarierten Hackordnung und wissen sehr genau zu unterscheiden, was lecker und was weniger lecker ist. Viel mehr braucht ein Huhn nicht, um glücklich zu sein. Wir haben mittlerweile einen fröhlichen Nahrungsmittelkreislauf installiert: Unsere Kunden erhalten Eier, unsere Hühner bekommen im Gegenzug Brotreste, Gemüse- und Salatreste, manchmal Nudeln oder Reis (mögen sie besonders gern). Damit gibt es keine unnötigen Essensreste mehr für den Müll, die Hühner danken es mit prächtigen Eiern. Nur wenn der Fuchs kommt, sind Hühner hilflos.

Wir könnten doppelt so viele Menschen mit frischen Hühnereiern von freilebenden Hühnern versorgen, die glücklicher und ökologischer nicht sein könnten. Gut. Und welches Huhn hat schon eigene Wiesen, Hecken, Apfel- und Birnbäume und einen Nussbaum, unter dem sich wunderbar grasen lässt – alles giftfrei.

Unsere Eierkäuferinnen müssen sich diesen Winter beschränken und damit auseinandersetzen, dass Nahrungsmittel immer noch mit Natur zu tun haben und dass Verzicht nicht grundsätzlich schlecht sein muss. Denn klar ist, so ein mühsam gelegtes Hühnerei ist kein Massenprodukt und Eier müssen keine tägliche Kost sein.

Und das ist gut so.