Stadtentwicklung zwischen Kommerz und Selbstbestimmung

…oder wieviel Raum für selbstbestimmtes Leben braucht eine Stadt?

Einladung bei der Wunschraumproduktion in der Dresdner Friedrichstadt. Drei Tage lang setzten sich Bewohnerinnen und Bewohner -Zugezogene und schon länger dort Lebende, Kinder des Stadtteils mit ihren Eltern, Vereine und Initiativen – über ihr Recht auf den Stadtteil und ihre Lebensansprüche auseinander. Auf einer baumbestandenen Brachgrundstück inmitten der Friedrichstadt bauten sie ihren Wunschraum, diskutierten über alternative Lebenskonzepte und einen gemeinschaftlichen Freiraum im Quartier, kochten und feierten zusammen.

Es war anregend, ermutigend und ernüchternd. Die Brache wird noch dieses Jahr bebaut. Damit verschwindet ein bedeutender Freiraum im Quartier. Damit verschwindet die Möglichkeit für eine Quartiersmitte in einem immer dichter werdenden Stadtviertel. Das wirft Fragen auf. Über den Umgang mit der Stadt, in Dresden, aber nicht nur in Dresden.

Aus dem Außenblick kennt man Dresden durch Kunst und Kultur, die touristisch herausgeputzte Altstadt und vielleicht durch Dresden-Neustadt mit seiner Kneipen- und Szenekultur. Dabei hat Dresden auch eine höchst lebendige alternative Kunst- und Kulturszene. Bislang gab es immer den Raum dafür, sei es auf Brachen oder in leerstehenden Gebäuden. Doch Dresden wächst und damit wächst der Druck auf genau diese Flächen.

Die Dresdner Stadtentwicklungspolitik (unabhängig von der aktuellen Zusammensetzung des Stadtrates) setzt auf Investoren. Städtisches Eigentum wurde in den letzten Jahren massiv veräußert – trauriger Höhepunkt war 2006 der Verkauf des kommunalen Wohnungsbestandes an eine amerikanische Investmentgruppe, was sich im Nachhinein als Riesenmogelpackung und Wertevernichtung herausstellte. Städtische Bodenbevorratung gibt es kaum. Bevorzugt werden vorrangig Investoren mit Interesse an großen Projekten. Zwar gibt es das Ziel, Baugruppen, Genossenschaften und alternative Projekte zu fördern, doch der Rahmen dafür ist überschaubar. In den letzten Jahren hat sich die Stadt sehr verändert, manchmal ist das gut, aber oft auch nicht.

Beispiel Friedrichstadt

Ein Stadtteil mit Potenzial, ein Stadtteil im Wandel, direkt angrenzend an die Altstadt. Ein wilder Mix aus Industrie, barocker und gründerzeitlicher Bebauung, Plattenbauten aus längst vergangenen DDR-Zeiten, Gleisanlagen der Deutschen Bahn in Wartestellung und großen Verkehrsschneisen. Inmitten des Stadtteils thront das Friedrichstädter Klinikum mit seinen barocken Gebäuden, wundervollen Zierbrunnen und seinem Park. Dazwischen Brachflächen. Lange Zeit sah es hier nicht nach Veränderung aus. Um das Gebiet zu „stabilisieren, private Investitionen zu initiieren und eine Profilierung zum Innenstadtergänzungsgebiet mit Stärkung der Wohnfunktion“ zu erreichen, wies die Stadt 2003 ein Sanierungsgebiet aus. Mittlerweile kommen die Investoren und die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner hat sich auf 10.000 verdoppelt.

Fast noch schlimmer als die neuen gesichtslosen Wohnkomplexe ist der neu entstandene, lieblose Stadtraum mit aneinandergereihten Tiefgaragenzufahrten und toten Erdgeschosszonen. Mit jeder bebauten Brache verschwindet wildes, ungeordnetes Grün, aber auch Kreativität der Bewohnerschaft, die sich die Brachen in den vergangenen Jahren teilweise angeeignet hatten. Neue Freiräume wurden von der Stadt vor allem am Rand des Quartiers weitab von den vorhandenen sozialen Zentren des Quartiers geplant, dazwischen für Kinder unüberbrückbare Straßenschneisen. Diese neuen Freiräume sind Orte der Ödnis fernab von lebenswerten Aneignungsmöglichkeiten.

Den Bewohnerinnen und Bewohner wird Stück um Stück ihr Stadtteil genommen, die Zugezogenen finden ein Quartier vor, das historisch gewachsen scheint, aber keine Mitte hat. Die Unzufriedenheit wächst, wobei sie sich nicht prinzipiell gegen neue Bebauung richtet. Es geht um die Art der Bebauung und um den Verlust zentraler Freiräume. Es geht um den Wunsch nach Individualität und Räumen, die nicht fertig gestaltet sind und Möglichkeiten für eigene Ideen lassen. Es geht um Platz für alternative Konzepte jenseits des klassischen urbanen Mainstream. Es geht um die Art der Beteiligung, denn natürlich fanden und finden im Rahmen des Sanierungsgebietes von der Stadt organisierte Beteiligungen statt. Doch in dem mittlerweile 15 Jahre alten Rahmenplan finden sich viele Menschen nicht mehr wieder.

Die Wunschraumproduktion machte auf dieses Defizit aufmerksam und suchte nach Lösungsansätzen.

Beispiel Elixir

Die öffentliche Außenwahrnehmung Dresden, vor allem im Westen und Süden Deutschlands, könnte derzeit nicht negativer sein – Pegida und der Umgang mit Flüchtlingen haben deutliche Spuren hinterlassen. So etwas mag keine Stadt und so gibt es reichlich vollmundige Bekenntnisse zu Weltoffenheit und Integration. Natürlich gibt es einige Vorzeigeprojekte wie die Zukunftsstadt oder die Bewerbung um die Kulturhauptstadt Europas. Doch wie ernst sind die politischen Bekenntnisse tatsächlich gemeint?

Der Verein Elixier wollte in der ehemaligen Arbeitsanstalt in der Neustadt ein Zentrum für gemeinsames Leben, Lernen und Kulturschaffen errichten, in dem Dresdnerinnen und Dresdner sowie Geflüchtete ein Heim finden sollten. Ein wegweisendes Projekt für nachbarschaftliches Zusammenleben, gelebte Integration und sozial und finanziell nachhaltigen Wohnungsbau. Ein mutiges Projekt mit hohem ehrenamtlichen Einsatz, der normalerweise von der Politik gewünscht und angepriesen wird. Allerdings hatte die Stadt das Grundstück bereits auf dem freien Markt angeboten, das Vergabeverfahren hätte geändert werden müssen. Ohne den Sumpf der zähen Verhandlungen noch einmal aufzukochen: das Projekt scheiterte an zwei Stimmen im Stadtrat und die SPD spielte in diesem Sumpf eine mehr als unglücksselige Rolle Das Engagement wurde dem schnellen Gewinn zum Fraß vorgeworfen – so die Lesart der Initiative und Befürworter des Projektes.

Beide Projekte, Elixir und Wunschraumproduktion offenbaren ein grundlegendes Verständigungsproblem in der Stadtgesellschaft. Innerhalb institutionalisierter Stadtentwicklungspolitik findet sich wenig Raum für Entwicklungspotenziale der Bewohnerschafft, freie Stadtaneignung und Initiativen jenseits des Mainstream.

Stadtentwicklungsprozesse für städtebauliche Erneuerungsmaßnahmen bergen zudem großes Konfliktpotenzial: Am Anfang ist ihr Abstraktionsgrad so hoch, dass die Pläne nur von Fachleuten verstanden werden kann. Bewohner und Initiativen fühlen sich erst angesprochen, wenn konkrete Umbaumaßnahmen einsetzen. Zeiträume von 10 und mehr Jahren – so wie in der Friedrichstadt – oder langfristig vorbereitete Vergabeprozesse wie beim Beispiel Elixir und der ehemaligen Arbeitsanstalt, die vorher Jahre leer stand, sind für Bürgerschaft, Initiativen und Vereine kaum verstehbar. Die Zeiträume passen nicht zur Eigendynamik des sozialen Miteinanders im Quartier, das viel kürzer ausgerichtet ist. Vereine und Initiativen erfahren in der Regel spät, wenn Veräußerungsabsichten bestehen. In regulären Ausschreibungsverfahren können sie nicht mitbieten, denn für die Klärung von Finanzierungsfragen brauchen sie Zeit.

Und so stehen die zunehmende Flexibilität der Nutzungsbedürfnisse der Bürgerschaft und die Trägheit institutionalisierter Stadtentwicklungspolitik nahezu unversöhnlich gegenüber.

Wenn man Vielfalt beschwört, muss man sie leben. Städte brauchen deshalb auch alternative Stadtentwicklungskonzepte. Deren Mehrwert ist hoch, auch wenn er sich oft nicht auf den ersten Blick zeigt. Stadt steht immer noch für Aufbruch und Modernität, aus dem auch neue Wirtschaftskraft entstehen kann. Und wirtschaftlich ist mit alternativen Konzepten schon lang kein Nachteil mehr verbunden. Örtliche Banken, Architekten, Bauunternehmen und Handwerker partizipieren viel stärker durch alternative Modelle als bei Investoren, die die Preise drücken.

Damit ist die Aufgabe für die Städte und die Initiativen abgesteckt.

Selbstbestimmte Entwicklungen beim Wohnen, bei Kultur, bei den urbanen Freiräumen wollen erkämpft werden. Initiativen brauchen die Vernetzung untereinander. Gemeinsam ist man stark. Dazu Partner suchen, in der Politik, in der Verwaltung. Und eine gewisse Professionalisierungen ist auch notwendig.

Städte und ihre Administrationen wiederum müssen Unterstützung bieten, damit sich Bürger und Vereine im Dschungel der Zuständigkeiten der Verwaltungen und der professionell verworrenen Ausschreibungs- und Vergabebedingungen zurechtzufinden. Es braucht ein Klima, in der Initiativen willkommen sind und Lotsen, die helfen, informieren, vernetzen. Es braucht städtische Grundstücksbevorratung. Es braucht eine konsequente Beteiligungspolitik, die nicht nur den Schein vermittelt, dass Mitsprache und Engagement erwünscht sind, sondern tatsächlich Raum lässt.

Was passiert, wenn eine Stadt das alles nicht macht? Nur scheinbar nicht viel. Sie wird langweilig, Stück für Stück. Das Mittelmaß ruft. Manchen reicht das. Denen das nicht reicht, sei ein Blick nach Leipzig und Tübingen empfohlen. Dort finden sich nachahmenswerte Beispiele.

siehe auch:

https://wunschraumproduktion.tumblr.com/

https://www.elixir-dresden.de/

rm16.blogsport.de/

Reutlingen und die Brunnen, zu schön um wahr zu sein.

In etwas geänderter Form erschien dieser Beitrag dieser Tage im rv-bildertanz.blogspot.com/

Hier noch mal der Fokus ganz speziell auf die Brunnen Reutlingens gerichtet, die tatsächlich etwas Besonderes, Bemerkenswertes und Beschreibenswertes sind.

Reutlingen in Baden-Württemberg! Eine mittelgroße Stadt im Südwesten, wer kennt die schon? (Pardon, Reutlingen ist natürlich eine Großstadt). Dennoch haftet der Stadt etwas Kleinstädtisches an. Und wo immer man hinkommt, muss man erklären, wo Reutlingen liegt: südlich von Stuttgart – naja, neben Tübingen – geht gar nicht bei all der Konkurrenz zwischen beiden Städten, in der Tübingen immer strahlender scheint.

Was macht also eine Stadt, die aus der Mittelmäßigkeit der Wahrnehmung hinauswill? Sie kreiert eine MARKE. Jüngst kündigte die Oberbürgermeisterin einen Markenbildungsprozess an, damit die Stadt endlich als das wahrgenommen wird, was sie ist: strahlend, kulturell herausragend, mit einer gefühlt hohen Baukultur, sozialen Segnungen, einer prosperierenden Wirtschaft, die aber dennoch zu wenig Steuern in die Stadtkasse spülen, einer großen Tradition als Reichsstadt. Und trotzdem ist Reutlingen offenbar weitgehend unbekannt.

Nun ist das mit Markenbildungsprozessen so eine Sache, Kopfgeburten meist und wenn sie als Top-Down-Prozess durchgeführt werden, nicht selten zum Scheitern verurteilt oder doch mit erheblichen Gefahren verbunden, wenn irgendwann das, was die Marke propagiert, von den Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich eingefordert wird. Marken haben es an sich, dass sie beliebig sind, Slogan, die auch nach hinten losgehen können. Man denke an Karlsruhe: VIEL VOR VIEL DAHINTER oder lieber VIEL DAVOR UND NIX DAHINTER, wie es im Volksmund gern heißt? Meist haben die Städte ein starkes Bedürfnis nach einer Marke, die sich eben nicht durch irgendetwas Exklusives, Besonderes auszeichnen (was auf Karlsruhe gar nicht zutrifft, doch wer würde schon Kassel kennen, gäbe es da nicht die DOCUMENTA)

Dennoch hat jede Stadt Besonderheiten, die sie liebenswert machen, und die vor allem für die eigenen Bürgerinnen und Bürger wichtig sind. Oder auch die Region, aber eben nicht für ganz Deutschland, Europa oder die Welt. Und ist das wirklich wichtig? Bekannt sein in der ganzen Welt?

Für Reutlingen fallen mir einige Besonderheiten ein. Das prägende industrielle Erbe, welches bis zur Unkenntlichkeit verschwunden ist, als würde man sich dessen schämen. Die wundervollen Feste und Veranstaltungen wie Weindorf, Neigeschmeckt Markt und Garden Life, die auch nicht alle nur beliebt sind. Die fast vergessene große Tradition des pomologischen Institutes und seine Wiedergeburt im Streuobstparadies, in der Stadt leider bisher weitgehend unbeachtet. Das Biosphärengebiet, doch das ist ja die Schwäbische Alb und nicht die Stadt. Eine ganz nette Altstadt mit ein bisschen Kultur, auch wenn schon seit Jahren verzweifelt versucht wird, eine überregionale Kulturstadt zu werden, die Reutlingen bei aller Sympathie wohl (trotz der wundervollen Württemberger Philharmonie und einiger ganz netter Museen) nicht werden wird und vielleicht auch gar nicht muss.

Eine Besonderheit sind die Brunnen. Nur wenige Städte der Größe Reutlingens haben mehr davon. Die Nachbarstadt Tübingen (es lebe die permanente Konkurrenz) hat 42).

Dieses und letztes Jahr kamen zwei neue hinzu, konzipiert und geplant von der Autorin dieser Zeilen, die sich zu ihrer Brunnenliebhaberei gern öffentlich bekennt. Die Brunnen könnten also eine neue Ära im Umgang mit dem manchmal ungeliebten Thema eröffnen, weshalb sich ein wohlwollender Blick lohnt.

Fast 90 Brunnen schmücken Reutlingen, städtische und dörfliche, große und kleine, alte und ganz neue – mit unglaublichen Geschichten, die viel mit der Geschichte der Reichsstadt Reutlingen zu tun haben, geliebt von den Bürgerinnen und Bürgern, gern vergessen von den Stadtoberen – außer natürlich bei Einweihungen- trotz widriger finanzieller Bedingungen sorgsam gehegt von der städtischen Grünpflegeabteilung.

Da ist der Maximilianbrunnen auf dem Marktplatz, ein prachtvoller Renaissancebrunnen, 1570 zu Ehren des Kaisers Maximilian II. errichtet, um ihn zu bewegen, der Stadt die Zunftrechte zurückzugeben. Diese waren der widerspenstigen Stadt entzogen worden, die protestantisch bleiben wollte und sich den Rekatholisierungsversuchen erfolgreich zu Wehr setzte. Es ging um das Prinzip und der Preis war hoch, denn Zunftrechte waren seinerzeit die Basis für Wohlstand. Die Lehre daraus: Wie macht man sich die Mächtigen gefügig, denn der Plan ging auf. 1578 erhielt Reutlingen die für die Stadt so wichtigen Zunftrechte zurück.

Kaiser Maximilian Brunnen – schon immer trafen sich vor allem Frauen am Brunnen (Foto: Stadtarchiv Reutlingen)

Da ist der Kaiser Friedrichbrunnen, ebenfalls ein Renaissancebrunnen von 1561 mit einer streng dreinblickenden, abweisenden Figur, die an den Verleiher der reichsstädtischen Rechte im Jahr 1180 erinnert. Herrscher mussten noch nie freundlich sein, das ist heute ein bisschen anders.

Da ist der Lindenbrunnen, ein kunstvoller gotischer Dreipfeilerbrunnen, der einzige seiner Art, der sich nördlich der Alpen erhalten hat, 1544 errichtet, als das gotische Zeitalter schon lange überwunden und der Moderne der Renaissance gewichen schien. Doch man war in Reutlingen offenbar schon immer besonders traditionell.

Da ist der Brunnen im Volkspark, der erst 80 Jahre nach seiner Planung gebaut wurde – die Landesgartenschau machte es möglich. Vorher wollte man zwar mit einem spektakulären Entwurf groß hinaus, endete aber doch schwäbisch pietistisch beim Sparen, befördert durch schwere Zeiten.

Da ist der Gerberbrunnen, in einer Zeit entstanden, als Wichtigeres anstand als Brunnenbau, und der an die große städtische Tradition der Gerber und Färber erinnert und deshalb wohl auch wichtig für die Stadtgesellschaft war. Gerberbrunnen und Gartentorbrunnen dienten übrigens lange Zeit zum Gautschen, diesem feinen Ritus zum Ende der Lehrzeit, bei dem die frisch gebackenen Gesellen von ihren Unarten und Schandtaten freigesprochen werden. Eine Tradition, untergegangen mit den Berufen der Gerber, Färber und Buchdrucker. Schade eigentlich.

Gartentorbrunnen und das Gautschen der Buchdrucker (Foto: Stadtarchiv Reutlingen)

Da ist der Rathausbrunnen, eine prachtvolle Anlage der frühen 60er Jahre, zusammen mit dem Rathaus entstanden, der Stolz der Stadt. Heute ist der Glanz beider (Rathaus und Brunnen) verblichen und gebadet werden darf schon lange nicht mehr.

Rathausbrunnen – Baden verboten heißt es heute (Foto: Stadtarchiv Reutlingen)

Da waren die 1980er Jahre, eine große Zeit für die Reutlinger Brunnen. Der feinsinnige Baubürgermeister ließ viele neue errichten. Ein Beispiel dafür ist der Handwerkerbrunnen in der Altstadt. Brunnen waren wichtig für die Bürger, er hat es erkannt.

In den letzten Jahren zwei neue Anlagen, beide nicht unumstritten, aus Sicht der Autorin beide notwendig. Der im Bürgerpark steht für ein modernes, junges Reutlingen, und wer hätte je gedacht, dass BÜRGERPARK eben nicht nur ein Marketinggag ist, sondern sich mit Leben füllen lässt – trotz Störfeuer einiger verbissener Hygienefanatiker. Viel Arbeit war das, gelohnt hat es sich. Der Wasserlauf auf dem Weibermarkt verbindet die Geschichte der Stadtbäche mit neuen, zeitgemäßen Raumaneignungen. Man darf gespannt sein, was im Umfeld passiert.

Wasserspiel im Bürgerpark – Name ist nicht immer nur Schall und Rauch (Foto: Markus Niethammer)

Es gäbe noch mehr zu erzählen.

Natürlich kosten Brunnen Geld, doch sie sollten es uns wert sein. Brunnen sind eben viel mehr als nur ein bisschen schmückendes Beiwerk. Sie zeigen Stadtgeschichte im Großen und Kleinen, Geschichten von Macht und von der Rolle der Menschen in der Stadt, von Begegnungen, auch von Streit und Versöhnung. Sie sind Zeichen und wichtige Begegnungsorte für die Stadtgesellschaft, am Brunnen trifft man sich…das war schon immer so. Nicht zuletzt deshalb gibt es in einigen Städten Patenschaften und Vereine, die sich um das Wohlergehen der Brunnen einsetzen, auch finanziell.

An dieser Stelle könnte man enden, gäbe es da nicht den Listplatzbrunnen oder vielmehr das, was übrig ist von ihm.

Wie kaum ein anderer Zeichen für den großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufbruch nach Kriegsende. Viele Menschen erinnert gerade dieser Brunnen an ihre Kindheit und Jugend oder das Ankommen in der Heimat, wenn man aus dem Bahnhof trat. In einer Hauruckaktion zur Verschönerung des Bahnhofsplatzes 1954 errichtet. Mit dem typischen nierenförmigen Becken, mit Fontänen und nachts farbig illuminiert. Die Reutlinger pilgerten in Scharen hin. Dennoch war er in den letzten Jahren ungeliebtes Kind der Stadtplanung, die in einer sogenannten Rahmenplanung City Nord lieber freie Sichtachsen und steinerne Plätze propagiert. Für einen altbackenen Brunnen war da kein Platz mehr. Für die Autorin war der Beschluss zum Zuschütten des Brunnens einer der schlimmen Momente ihrer Reutlinger Berufszeit, sie hätte den Brunnen gern erhalten, doch das hätte eben Geld und politischen Willen erfordert. Der öffentliche Sturm der Entrüstung war denn aber doch überraschend, berechtigt war er und Ausdruck einer fatalen Fehleinschätzung der Bedeutung dieses Brunnens.

Listplatzbrunnen 2012 – schon stillgelegt, aber noch nicht zugeschüttet (Foto: Katrin Korth)

In der Zeit danach hat die Autorin einige Menschen angesprochen, durchaus respektable Persönlichkeiten der Stadtgesellschaft, ob sie sich nicht eine gemeinsame Aktion zur Rettung des Brunnens vorstellen könnten. Leider erhielt sie nur Absagen.
So tröstet sie sich mit einem privaten Sponsoring in ihrer Geburtsstadt Magdeburg, mit dem der Betrieb eines feinen kleinen Brunnens gesichert wird. Und immer mal wieder sinniert sie darüber, was denn wäre, wenn sich für den Listplatz Sponsoren finden würden. Ganz im Sinne der “Köpfe für Reutlingen” und ihrem berühmten Zitat von Kennedy: fragt nicht, was Euer Land für Euch tun kann, sondern fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt.

Die Autorin wäre bereit für ein TUN, wenn sich denn Mitstreiterinnen und Mitstreiter fänden.