Stadtentwicklung zwischen Kommerz und Selbstbestimmung

…oder wieviel Raum für selbstbestimmtes Leben braucht eine Stadt?

Einladung bei der Wunschraumproduktion in der Dresdner Friedrichstadt. Drei Tage lang setzten sich Bewohnerinnen und Bewohner -Zugezogene und schon länger dort Lebende, Kinder des Stadtteils mit ihren Eltern, Vereine und Initiativen – über ihr Recht auf den Stadtteil und ihre Lebensansprüche auseinander. Auf einer baumbestandenen Brachgrundstück inmitten der Friedrichstadt bauten sie ihren Wunschraum, diskutierten über alternative Lebenskonzepte und einen gemeinschaftlichen Freiraum im Quartier, kochten und feierten zusammen.

Es war anregend, ermutigend und ernüchternd. Die Brache wird noch dieses Jahr bebaut. Damit verschwindet ein bedeutender Freiraum im Quartier. Damit verschwindet die Möglichkeit für eine Quartiersmitte in einem immer dichter werdenden Stadtviertel. Das wirft Fragen auf. Über den Umgang mit der Stadt, in Dresden, aber nicht nur in Dresden.

Aus dem Außenblick kennt man Dresden durch Kunst und Kultur, die touristisch herausgeputzte Altstadt und vielleicht durch Dresden-Neustadt mit seiner Kneipen- und Szenekultur. Dabei hat Dresden auch eine höchst lebendige alternative Kunst- und Kulturszene. Bislang gab es immer den Raum dafür, sei es auf Brachen oder in leerstehenden Gebäuden. Doch Dresden wächst und damit wächst der Druck auf genau diese Flächen.

Die Dresdner Stadtentwicklungspolitik (unabhängig von der aktuellen Zusammensetzung des Stadtrates) setzt auf Investoren. Städtisches Eigentum wurde in den letzten Jahren massiv veräußert – trauriger Höhepunkt war 2006 der Verkauf des kommunalen Wohnungsbestandes an eine amerikanische Investmentgruppe, was sich im Nachhinein als Riesenmogelpackung und Wertevernichtung herausstellte. Städtische Bodenbevorratung gibt es kaum. Bevorzugt werden vorrangig Investoren mit Interesse an großen Projekten. Zwar gibt es das Ziel, Baugruppen, Genossenschaften und alternative Projekte zu fördern, doch der Rahmen dafür ist überschaubar. In den letzten Jahren hat sich die Stadt sehr verändert, manchmal ist das gut, aber oft auch nicht.

Beispiel Friedrichstadt

Ein Stadtteil mit Potenzial, ein Stadtteil im Wandel, direkt angrenzend an die Altstadt. Ein wilder Mix aus Industrie, barocker und gründerzeitlicher Bebauung, Plattenbauten aus längst vergangenen DDR-Zeiten, Gleisanlagen der Deutschen Bahn in Wartestellung und großen Verkehrsschneisen. Inmitten des Stadtteils thront das Friedrichstädter Klinikum mit seinen barocken Gebäuden, wundervollen Zierbrunnen und seinem Park. Dazwischen Brachflächen. Lange Zeit sah es hier nicht nach Veränderung aus. Um das Gebiet zu „stabilisieren, private Investitionen zu initiieren und eine Profilierung zum Innenstadtergänzungsgebiet mit Stärkung der Wohnfunktion“ zu erreichen, wies die Stadt 2003 ein Sanierungsgebiet aus. Mittlerweile kommen die Investoren und die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner hat sich auf 10.000 verdoppelt.

Fast noch schlimmer als die neuen gesichtslosen Wohnkomplexe ist der neu entstandene, lieblose Stadtraum mit aneinandergereihten Tiefgaragenzufahrten und toten Erdgeschosszonen. Mit jeder bebauten Brache verschwindet wildes, ungeordnetes Grün, aber auch Kreativität der Bewohnerschaft, die sich die Brachen in den vergangenen Jahren teilweise angeeignet hatten. Neue Freiräume wurden von der Stadt vor allem am Rand des Quartiers weitab von den vorhandenen sozialen Zentren des Quartiers geplant, dazwischen für Kinder unüberbrückbare Straßenschneisen. Diese neuen Freiräume sind Orte der Ödnis fernab von lebenswerten Aneignungsmöglichkeiten.

Den Bewohnerinnen und Bewohner wird Stück um Stück ihr Stadtteil genommen, die Zugezogenen finden ein Quartier vor, das historisch gewachsen scheint, aber keine Mitte hat. Die Unzufriedenheit wächst, wobei sie sich nicht prinzipiell gegen neue Bebauung richtet. Es geht um die Art der Bebauung und um den Verlust zentraler Freiräume. Es geht um den Wunsch nach Individualität und Räumen, die nicht fertig gestaltet sind und Möglichkeiten für eigene Ideen lassen. Es geht um Platz für alternative Konzepte jenseits des klassischen urbanen Mainstream. Es geht um die Art der Beteiligung, denn natürlich fanden und finden im Rahmen des Sanierungsgebietes von der Stadt organisierte Beteiligungen statt. Doch in dem mittlerweile 15 Jahre alten Rahmenplan finden sich viele Menschen nicht mehr wieder.

Die Wunschraumproduktion machte auf dieses Defizit aufmerksam und suchte nach Lösungsansätzen.

Beispiel Elixir

Die öffentliche Außenwahrnehmung Dresden, vor allem im Westen und Süden Deutschlands, könnte derzeit nicht negativer sein – Pegida und der Umgang mit Flüchtlingen haben deutliche Spuren hinterlassen. So etwas mag keine Stadt und so gibt es reichlich vollmundige Bekenntnisse zu Weltoffenheit und Integration. Natürlich gibt es einige Vorzeigeprojekte wie die Zukunftsstadt oder die Bewerbung um die Kulturhauptstadt Europas. Doch wie ernst sind die politischen Bekenntnisse tatsächlich gemeint?

Der Verein Elixier wollte in der ehemaligen Arbeitsanstalt in der Neustadt ein Zentrum für gemeinsames Leben, Lernen und Kulturschaffen errichten, in dem Dresdnerinnen und Dresdner sowie Geflüchtete ein Heim finden sollten. Ein wegweisendes Projekt für nachbarschaftliches Zusammenleben, gelebte Integration und sozial und finanziell nachhaltigen Wohnungsbau. Ein mutiges Projekt mit hohem ehrenamtlichen Einsatz, der normalerweise von der Politik gewünscht und angepriesen wird. Allerdings hatte die Stadt das Grundstück bereits auf dem freien Markt angeboten, das Vergabeverfahren hätte geändert werden müssen. Ohne den Sumpf der zähen Verhandlungen noch einmal aufzukochen: das Projekt scheiterte an zwei Stimmen im Stadtrat und die SPD spielte in diesem Sumpf eine mehr als unglücksselige Rolle Das Engagement wurde dem schnellen Gewinn zum Fraß vorgeworfen – so die Lesart der Initiative und Befürworter des Projektes.

Beide Projekte, Elixir und Wunschraumproduktion offenbaren ein grundlegendes Verständigungsproblem in der Stadtgesellschaft. Innerhalb institutionalisierter Stadtentwicklungspolitik findet sich wenig Raum für Entwicklungspotenziale der Bewohnerschafft, freie Stadtaneignung und Initiativen jenseits des Mainstream.

Stadtentwicklungsprozesse für städtebauliche Erneuerungsmaßnahmen bergen zudem großes Konfliktpotenzial: Am Anfang ist ihr Abstraktionsgrad so hoch, dass die Pläne nur von Fachleuten verstanden werden kann. Bewohner und Initiativen fühlen sich erst angesprochen, wenn konkrete Umbaumaßnahmen einsetzen. Zeiträume von 10 und mehr Jahren – so wie in der Friedrichstadt – oder langfristig vorbereitete Vergabeprozesse wie beim Beispiel Elixir und der ehemaligen Arbeitsanstalt, die vorher Jahre leer stand, sind für Bürgerschaft, Initiativen und Vereine kaum verstehbar. Die Zeiträume passen nicht zur Eigendynamik des sozialen Miteinanders im Quartier, das viel kürzer ausgerichtet ist. Vereine und Initiativen erfahren in der Regel spät, wenn Veräußerungsabsichten bestehen. In regulären Ausschreibungsverfahren können sie nicht mitbieten, denn für die Klärung von Finanzierungsfragen brauchen sie Zeit.

Und so stehen die zunehmende Flexibilität der Nutzungsbedürfnisse der Bürgerschaft und die Trägheit institutionalisierter Stadtentwicklungspolitik nahezu unversöhnlich gegenüber.

Wenn man Vielfalt beschwört, muss man sie leben. Städte brauchen deshalb auch alternative Stadtentwicklungskonzepte. Deren Mehrwert ist hoch, auch wenn er sich oft nicht auf den ersten Blick zeigt. Stadt steht immer noch für Aufbruch und Modernität, aus dem auch neue Wirtschaftskraft entstehen kann. Und wirtschaftlich ist mit alternativen Konzepten schon lang kein Nachteil mehr verbunden. Örtliche Banken, Architekten, Bauunternehmen und Handwerker partizipieren viel stärker durch alternative Modelle als bei Investoren, die die Preise drücken.

Damit ist die Aufgabe für die Städte und die Initiativen abgesteckt.

Selbstbestimmte Entwicklungen beim Wohnen, bei Kultur, bei den urbanen Freiräumen wollen erkämpft werden. Initiativen brauchen die Vernetzung untereinander. Gemeinsam ist man stark. Dazu Partner suchen, in der Politik, in der Verwaltung. Und eine gewisse Professionalisierungen ist auch notwendig.

Städte und ihre Administrationen wiederum müssen Unterstützung bieten, damit sich Bürger und Vereine im Dschungel der Zuständigkeiten der Verwaltungen und der professionell verworrenen Ausschreibungs- und Vergabebedingungen zurechtzufinden. Es braucht ein Klima, in der Initiativen willkommen sind und Lotsen, die helfen, informieren, vernetzen. Es braucht städtische Grundstücksbevorratung. Es braucht eine konsequente Beteiligungspolitik, die nicht nur den Schein vermittelt, dass Mitsprache und Engagement erwünscht sind, sondern tatsächlich Raum lässt.

Was passiert, wenn eine Stadt das alles nicht macht? Nur scheinbar nicht viel. Sie wird langweilig, Stück für Stück. Das Mittelmaß ruft. Manchen reicht das. Denen das nicht reicht, sei ein Blick nach Leipzig und Tübingen empfohlen. Dort finden sich nachahmenswerte Beispiele.

siehe auch:

https://wunschraumproduktion.tumblr.com/

https://www.elixir-dresden.de/

rm16.blogsport.de/

Das obskure Vergnügen des Friedhofsbesuchs

Wir besuchen Friedhöfe als materialisierte Orte für Trauer und Erinnerung – für das Zwiegespräch mit unseren lieben oder weniger lieben Verstorbenen, zum Ausleben der Trauer. Dabei sind viele Friedhöfe ästhetisch eine Zumutung – unzählige, immer gleiche pompöse und doch langweilige Einheitsgrabsteine, streng rechtwinklig verlaufende Wege, die der Wirtschaftlichkeit des Friedhofsbetriebs gehorchen, kaum Bäume und schließlich Grabbepflanzungen der allerschlimmsten Sorte. Doch manchmal sind Friedhöfe auch wundervolle Parkanlagen und dann möglicherweise die letzten kontemplativen Orte der Besinnung und Pause. Diesem Ideal entsprechen vor allem historische Friedhöfe. Als Gartenkunstwerke zeichnen sie sich nicht selten durch wertvollen Baumbestand aus, haben kunstvolle Grabsteine oder Gebäude und Einfriedungsmauern. Als Parkanlagen sind sie bedeutsamer Lebensraum für vielerlei Tiere. Friedhöfe sind Treffpunkte und Begegnungsorte, von und zwischen den Zurückgebliebenen, ein Stück Sozialraum also. Manche Friedhöfe, insbesondere die mit Ruhestätten berühmter Menschen, sind Pilgerstätten, man denke an den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin oder den Friedhof Montparnasse in Paris. Doch einzigartige und manchmal kuriose oder traurige Geschichten können eigentlich alle Friedhöfe erzählen. Und so erklärt sich vielleicht das seltsame Vergnügungen, Friedhöfe zu besuchen und ihre Geschichten zu entdecken.

Zu den schönsten Friedhöfen in Baden-Württemberg darf der Waldfriedhof der Illenau in Achern gezählt werden. Die Illenau, 1842 gegründet, war im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine der fortschrittlichsten Heil- und Pflegeanstalten für geisteskranke Menschen, berühmt über die Grenzen des Großherzogtums Baden hinaus. Rund 400 Patienten und genauso viele Ärzte, Pfleger und Angestellte lebten auf dem Areal der Illenau mit seinen weitläufigen Gebäudekomplexen, Werkstätten, Äckern, Wiesen sowie Nutz- und Ziergärten. Der Gebäudekomplex ist ein Meisterstück spätklassizistischer Baukunst – nicht Schloss und nicht Kaserne, konzipiert vom visionären und eigenwilligen Klinikgründer Christian Friedrich Wilhelm Roller, der in der Illenau seine Erfahrungen und Forschungsergebnisse zu zeitgemäßer, menschlicher Behandlung von Geisteskranken umsetzte. Zum Konzept der Klinik gehörte Beschäftigung, denn „wenn der Geist nicht beschäftigt wird, beginnt er zu wandern“. Gearbeitet wurde in den Werkstätten und Gärten oder auf den Äckern – die Klinik war Selbstversorger.

Viele der Patienten verbrachten hier lange Zeit, deshalb brauchte es einen eigenen Friedhof – als streitbarer und sehr wahrscheinlich sturköpfiger Generalist hatte Roller auch für den Friedhof seine höchst eigenen Vorstellungen, die er jedoch immer zum Wohle der Patienten einsetzte. Der Friedhof wurde konfessionsübergreifend, katholisch neben evangelisch, tot ist tot. Und er war letzte Ruhestätte für die gesamte Illenaufamilie – denn als solche verstanden sich Patienten, Ärzte, Pfleger und Pflegerinnen, Geistliche, Verwalter, Handwerker und Ökonomen, die denn auch einträchtig auf dem Friedhof nebeneinander ruhen.

Roller nahm auf die Gestaltung des Friedhofs großen Einfluss. Der Waldfriedhof wurde nicht streng geradlinig mit rechtwinkligen Wegen angelegt, sondern als romantische Gartenanlage im Stile eines englischen Landschaftsgartens. 1859 wurde er eröffnet mit geschwungenen und terrassierten Wegen – welche eine sorgsame Planung an jeder Stelle erahnen lassen – eine Anmutung natürlicher Waldlandschaft mit vielen exotischen Bäumen, die Roller eigens in den Schlossgärten von Karlsruhe und Schwetzingen beschaffte. Viele der Patienten entstammten begüterten und berühmten Familien, sie hinterließen ihr Vermögen Stiftungen, die sich um den Fortbestand der Illenau kümmerten. Aus diesen Mitteln wurden nachfolgende Friedhofserweiterungen realisiert, aus Stiftungsmitteln wurde und wird der Friedhof unterhalten.

Die Gräber sind schlicht gehalten und waren eine der wenigen Angelegenheiten, wo sich Roller nicht durchsetzen konnte – er wollte Holzkreuze, doch die Patienten setzten Kreuze aus Metall und steinerne Grabmale durch. Es finden sich neugotische Grabsteine aus der Zeit des Historismus, grazile Jugendstilplastiken, grobe Steinblöcke und einige figürliche Gestaltungen – dennoch insgesamt sehr schlicht. Diese Schlichtheit macht heute den besonderen Reiz des Friedhofs aus.

Die Geschichte der Illenau ist auf das Engste verknüpft mit dem Badischen Großherzogtum, der älteste Sohn von Großherzog Leopold, Ludwig II. – ein lebenslustiger Bursche, bis er an einer unheilbar am Geist erkrankte – war bis zu seinem frühen Tod Patient der Illenau. Doch auch darüber hinaus gab es innige Verflechtungen: Großherzogin Luise (eine Tochter des preußischen Königs und späteren Kaisers Wilhelm I.) und selbst die Kaiserin Augusta pflegten langjährigen Kontakt zu den Klinikdirektoren und Ärzten und förderten deren Entwicklung. Die Illenau übte große Anziehung auf Ärzte aus, die hier lebten und forschten und mit ihrer Arbeit zur Entwicklung eines modernen Psychatriewesens beitrugen.

Fast 2.500 Menschen fanden auf dem Friedhof ihre Ruhe. Die Gräber erzählen Geschichten. Beispielsweise von der kleinen Eugenie, die mit ihrem Stuhl kippelte, umkippte und sich den Schädel brach. Ihr Vater, Patient der Illenau, wünschte sich den Waldfriedhof als Ruhestätte. Ein wundervolles, figürliches Kunstwerk erinnert an die tragische Geschichte.

Klinik und Friedhof erlebten schwere Zeiten. In der Zeit des Ersten Weltkrieges stieg der Krankenstand auf über 700 Patienten. Kriegszitterer, Traumatisierte aus Schlachten und tödlichem Artilleriedonner, fanden hier einen Platz, sicher zwar, doch vom Hunger bedroht. Die Zuteilungen an psychiatrische Einrichtungen wurden knapp bemessen – die Todeszahlen dieser Zeit sind ein beredtes Zeugnis für den unbarmherzigen Umgang mit unnützen Essern. 1940 wurde die Klinik aufgelöst. Der Klinikdirektor kämpfte gegen die drohende Euthanasierung an, dennoch wurden viele der Patienten in Grafeneck ermordet. Anschließend wurde die Illenau eine nationalpolitische Erziehungsanstalt für Südtiroler Mädchen, die großdeutsch werden sollten. Nach Kriegsende wurden ehemalige Zwangsarbeiter untergebracht. Es folgte die Zeit der Französischen Besatzungstruppen, in der die Illenau für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Der Friedhof, im Unterschied zu den Gebäuden immer zugänglich, wurde 1971 Gartendenkmal. Seine schwerste Zerstörung erlebte er jedoch nicht durch den Mensch sondern durch eine Naturkatastrophe. 1999 verwüstete der Orkan Lothar den Friedhof. Vor allem der exotische Baumbestand wurde dabei unwiderbringlich zerstört. Nur langsam erholte sich der Park hiervon wieder.

1999 kaufte die Stadt Achern das Gelände der Illenau, sanierte und restaurierte behutsam und feinfühlig Gebäude und Außenanlagen. Das Rathaus fand hier einen neuen Platz, Landratsamt, Behörden und Firmen zogen ein, dazu kamen Wohnungen und Werkstätten. Entstanden ist ein wundervoller Ort, den man im beschaulichen und ansonsten absolut durchschnittlichen Achern nicht erwarten würde. Für einen Besuch des Friedhofs empfiehlt sich eine der kenntnisreichen Führungen, die von der Achern Tourist Information angeboten werden. Im Anschluss lohnt sich der kurze Spaziergang zur Illenau hinunter, hinein in das Museum, welches einen aufschlussreichen Blick in vergangenen Zeiten ohne Krankenversicherungen ermöglicht. Zum Abschluss lässt sich bei Kaffee und leckerem Kuchen (auch vegan) im integrativ betriebenen Arkadencafè in den schön restaurierten Räumlichkeiten der Illenau vielleicht darüber sinnieren, wie wir heute mit Krankheit und Tod umgehen und wo wir begraben sein wollen. Der Waldfriedhof der Illenau wäre nicht der schlechteste Platz. Leider wird er nicht mehr genutzt.

Park-Häuser für Menschen oder der vertikale Park

Wer gelungene urbane Freiräume und Parks erleben will, der/die muss in die Schweiz fahren. Auch wenn ich mir dazu immer wieder anhören muss: “ja, aber die haben halt Geld”. Das stimmt, doch bahnbrechende Konzepte haben nicht nur etwas mit Geld zu tun, sondern vor allem mit vorurteilsfreien Ideen und Mut.

Ein Park, dessen Gestaltung sicher einiges an Mut erfordert hat (selbst in der Schweiz), ist der MFO-Park in Zürich. Seine Gestaltung ist auch ein Beitrag zur Debatte “urbane Wand und Dachbegrünung/Stadt im Zeichen des Klimawandels”, die hier in einer sehr speziellen und überraschenden Form auf einen Park übertragen wurde.

Kurz beschrieben ist der MFO-Park ein grüner Parcour auf dem Grundriss einer alten Industriehalle, der sich über eine Gerüstkonstruktion vertikal in die Höhe erhebt. Ein “Park-Haus” sozusagen, nur für Menschen und Tiere. Fast vollständig berankt von Wildem Wein, Glyzinien, Knöterisch und Pfeifenwinden.

Mit einer Fläche von 105 x 55 m ist der Park eigentlich nur ein kleiner Taschenpark, doch dafür ist er so hoch wie die Nachbarbebauung, 4 bis 5 Geschosse. Park hoch drei. Eine doppelwandige Stahlkonstruktion trägt die Rankhilfen und beherbergt Treppenläufe, Wandelgänge in verschiedenen Höhen und Loggien.

Tritt man hinein in das Innere, wird man empfangen von einer fast märchenhaften Stimmung, aller Krach und alle Geschäftigkeit bleibt zurück, Vögel zwitschern, Sonnenstrahlen schieben sich durch die Blätterhülle, die bunten (und betretbaren) Glasscherben auf dem Boden blinken und blitzen. Der kleine Brunnen verzaubert, als käme gleich der Froschkönig aus dem Wasser (und auch wenn natürlich alle wissen, dass das Märchen vom Froschkönig ein gigantischer Schwindel ist … vielleicht, wenn man nur lang genug wartet). Die Treppen sind steil und nichts für Schwindelanfällige, aber es zieht einen unweigerlich nach oben. Der Aufstieg wird belohnt durch ein spektakuläres Sonnendeck mit Ausblick über die Dächer Zürichs.

Der MFO-Park wurde nach der Maschinenfabrik Oelikon benannt. Er steht exmplarisch für die Entwicklung von Zürich Nord, den Wandel eines ehemaligen reinen Industrieviertels und Stadtentwicklung, die konsequent den Freiraum mitdenkt. Der Entwurf von Burckhardt + Partner und Raderschall Landschaftsarchitekten AG ging aus einem Wettbewerb hervor und wurde 2002 realisiert. Es ist ein kontemplativer Park, für die Mittagspause, die stille Stunde, das Liebespaar, das Lesevergnügen auf dem Dach, vielleicht für Yoga oder Taijiquan, vielleicht für kleines Theater oder Stummfilmklassiker. Doch das braucht es auch in unserer lauten, schnellen Welt. Keine Ahnung, was das Ganze gekostet hat. Doch eine geniale Idee und gelungene Umsetzung, die Nachahmung sucht in Zeiten des Klimawandels und städtischer Luftverschmutzung.

essbare Stadt – alles Quatsch?

Im gemeinschaftlich genutzten Innenhof meiner Stadtwohnung stehen acht Bäume. Im Frühjahr blühten sie wundervoll weiß und wurden von Wildbienen belagert. Im Mai naschten Kinder die kleinen, blauen Früchte von den Bäumen. Felsenbirnen. Der Anblick erinnerte mich an meine Kindheit und mitunter verbotene Naschorgien von Wildhecken oder dem Kirschbaum beim Nachbarn. Offen zugängliches Obst und Wildobst findet man heute fast nur noch im ländlichen Kontext. Eine Handvoll für den Mund ist immer in Ordnung, denn die meisten Bäume werden (zum Glück noch bewirtschaftet). Zuerst Kirschen, dann die ersten frühen Äpfel, dann wilde Mirabellen und Kirschpflaumen, Brombeeren, Birnen und schließlich bis in den Dezember hinein Äpfel. Dazu Walnüsse und Haselnüsse. Ich liebe diese unterschiedlichen Geschmackserlebnisse, die etwas Ursprüngliches und Unmittelbares haben. In den Städten wurden Obstbäume und auch Wildobsthecken lange Zeit rigoros entfernt – zu unhygienisch, zu viel Verschmutzung durch liegengebliebene Früchte, der Aufwand für Pflege und Schneiden zu groß, die Gefahr durch Wespen. Dazu die Sorge mancher Eltern, dass Kinder essbare Früchte von giftigen nicht unterscheidenkönnten.

Seit einiger Zeit findet man in den Städten wieder mehr Bäume und Sträucher mit essbaren Früchten, so wie beim Beispiel meiner Hofbäume. Und man muss an dieser Stelle gar nicht so große Worte wie Biodiversität benutzen, obwohl es natürlich auch darum geht. Doch sind sie für den Mensch eine Möglichkeit der Naturerfahrung, und für Insekten sind sie ohnehin überlebenswichtig, und damit wiederum auch für uns Menschen, denn ohne Insekten keine Früchte. So einfach ist das.

Letztes Jahr habe ich einen Spielplatz in einer Streuobstwiese realisiert (die wundervolle Planung ist übrigens von Susanna Hirzler vom Werkbüro Freiraum und Landschaft in Tübingen). Apfelbäume, Birnbäume, Mostbirnen (die heute kaum noch jemand verarbeitet, weshalb Birnbäume leider immer seltener werden)und Walnüsse. Wenn es auch für die städtische Grünpflege zunächst kaum vorstellbar war, die Bäume zu erhalten, haben wir zusammen mit den Eltern und Kindern eine Lösung gefunden, den Baumbestand zu erhalten. Früchte werden gemeinschaftlich gesammelt, verarbeitet oder kompostiert. Das Risiko der Wespen wird hingenommen, denn ja, Leben ist Risiko.

Es gibt viele Möglichkeiten, essbare Früchte in den urbanen Raum zu integrieren. Klar, die Pflege muss verhandelt werden, zum Beispiel über Patenschaften.

Also: wagen wir mehr essbare Bäume und Sträucher in der Stadt.

Meine Lieblingssorte essbarer Früchte ist übrigens die Pflaumenkirsche (Prunus cerasifera).

Die Früchte sind eher Pflaume als Kirsche, mit 3-4 cm Durchmesser recht groß für Wildobst. Der Geschmack ist großartig: säuerlich, mit einem süßlich-würzigen Nachgeschmack, die Früchte sind sehr saftig. Die Farbe der Früchte reicht von gelb über orange bis dunkelrot. Sie sind perfekt zum Naschen, aber auch gut für Saft und Marmelade.
Kirschpflaumen wachsen als kleinkronige Bäume oder Sträucher, sie werden bis zu sechs Meter hoch. Als Solitäre schön, genauso wie in einer Wildobsthecke.

Die Pflaumenkrische ist auch als türkische Pflaume bekannt, denn sie kommt eigentlich aus Mittelasien. Die Araber brachten sie nach Europa, die Römer nach Deutschland. Heute ist sie ein eingebürgerter, gut integrierter Migrant in der x.ten Generation. Geht doch.

Zum Wohnen braucht es Häuser, zum Leben Parks: der Park am Gleisdreieck in Berlin

Der Fokus der Stadtentwicklung liegt seit je her auf dem gebauten Raum. Das ist manchmal schade, denn das Lebenswerte einer Stadt wird viel stärker durch den Freiraum bestimmt. Vor allem Parks haben  ein hohes Identifikationspotenzial für die Stadtgesellschaft – nicht zuletzt angesichts vieler zunehmend gesichtsloser, immer gleicher Gebäude.

Häuser sind die Voraussetzung für Wohnen, zum Leben braucht es Parks.

Der Park am Gleisdreieck ist so ein identifikationsstiftender Park. Er ist dies wegen seiner faszinierenden Vorgeschichte, auch wegen seiner Gestaltung, vor allem aber wegen der Art und Weise seiner Nutzungsangebote.

Seine Lage im Stadtgrundriss: in den Schnittpunkten verschiedener Bahnlinien und auf der Fläche zweier ehemaliger Güterbahnhöfe, von denen aus ab dem 19. Jahrhundert die wachsende Stadtbevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt werden konnte. Nirgendwo sonst kreuzen sich in Berlin so viele Wege aus Ost und West, Nord und Süd.

Seine Verortung im politischen Berlin: unmittelbar angrenzend an den das „großmannssüchtige“ Investorenallerlei Potsdamer Platz, zwischen Kreuzberg und Schöneberg im Spannungsfeld kiezorientierten Miteinanders und ausgeprägter Drogenszene.

Seine Geschichte: in den 1970er Jahren gehörten große Teile des Areals der Reichsbahn der DDR, eine vom sozialistischen Menschen befreite Enklave in der DDR, die dafür reichlich Raum bot für die alternative Szene (West)Berlins. In den frühen 1990er Jahren sollt hier eine Stadtautobahn gebaut werden, verhindert durch massive Proteste der Bürgerschaft. So blieb ein eingezäuntes Gelände, Spielball unterschiedlicher Interessen der Stadtpolitik. Die Sukzession tat ein Übriges und machte aus der Wildnis Wald. Ab Mitte der 1990er Jahre wurde die Fläche genutzt für die Baulogistik des Potsdamer Platzes.

Dem Potsdamer Platz in all seiner Investorenmittelmäßigkeit sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt, denn die notwendigen Ausgleichszahlungen für die baulichen Eingriffe waren Voraussetzung für den Bau des Parks.

Das Ergebnis: kein kuscheliger Park mit einem lieblich überformten Gelände oder einer strengen und letztlich langweiligen Rasterung, oder harmonisch geschwungenen Wegen, hübschen Mauern und Sitzstufen oder den immer gleichen Spielplätzen für Kinder. Sondern ein Park mit mehr als 30 Hektar Fläche, wo der Himmel weiter nicht sein könnte, der mehr als anderswo in Berlin tatsächlich großstädtisch ist. Ein Ort, der offen mit der Industrie- und Stadtgeschichte als Bahnareal umgeht; ein Ort, der immer noch an vielen Stellen nach Infrastruktur aussieht; ein Ort der laut ist und gleichzeitig still. Ein Ort, in dem scheinbar alle ihren Platz finden: Hundebesitzer, Jogger, Skater, Familien mit Kindern, Gartenliebhaber, Sozialromantiker, Spaziergänger und Menschen, für die der Park Treffpunkt und Ausgleich vom hektischen Großstadtleben ist, arme Menschen, reiche Menschen. Ein urbaner Begegnungsort im besten Sinne, in dem man stets aufpassen muss, dass man nicht von rasenden Radfahrern umgefahren wird.

Das Konzept: einfach und durchdacht. Mit zentralen Rasen- und Wiesenflächen, seitlichen Baumsäumen und üppigen Resten des früheren Bahngelände-Ruderalwaldes. Dazu schnurgerade, breite Wege, an den Eingangs- und Randbereichen Spielplätze, Sportanlagen, Skateplätze, Sitzdecks und Flächen für Aufenthalt und Bewegung – alles sehr nutzungsoffen. Kleingärten, die erhalten bleiben konnten, Gemeinschaftsgärten, gestaltet ungestaltete Naturerfahrungsräume für Kinder, an den Eingängen Kioske und WC`s. Der Park hat eine intensive Programmierung, das ist so gewollt und hierbei dennoch mehr viel mehr als die Summe von Einzelteilen. Alle Angebote fügen sich wie selbstverständlich in den Raum ein, ergänzen sich und bilden so ein stimmiges Ganzes.

Das landschaftliche Narrativ ist nirgends aufgesetzt, sondern aus dem Ort heraus entwickelt und damit allgemein verständlich. Der offene Umgang mit den unterschiedlichen Zeitschichten schafft prägnante Raumbilder. Schotterflächen, die an die Bahngeschichte anknüpfen, ebenso wie speziell angepasste Staudenbeete oder die Prellböcke und Gleisreste, die sich überall im Park verstreut finden. Lediglich die Eingänge und Übergänge in die angrenzenden Stadtteile könnten offener gestaltet sein. Und die angrenzende Bebauung ist zumeist die typische gesichtslose Bebauung durch Bauträger. Über diese Mängel lässt sich jedoch wegschauen.

Das Besondere: seine Gestaltung und seine Nutzungsangebote sind niederschwellig und schließen niemanden aus. In seiner Gesamtheit bildet er die Pluralität der Stadtgesellschaft ab. Zudem ist eine Weiterentwicklung des Parks möglich und auch explizit gewünscht. Ein Park also, der nicht fertig ist und der unterschiedliche Aneignungen verträgt und will. Ein Ort des “weniger Reglementierten” innerhalb unserer üblicherweise hochgradig determinierten und überregulierten Stadträume.

Und so verdient der Park den Namen Bürgerpark im besten Sinne. Bürgerinnen und Bürger haben den Park ermöglicht und sich für ihre Bedürfnisse eingesetzt. Bürgerinnen und Bürger nutzen den Park, eignen ihn sich an, ab morgens bis spät in die Nacht.

Und das ist eigentlich die gute Nachricht.

Über Lindenbäume

Dass Münster die Hauptstadt der Fahrradfahrenden ist, wusste ich. Wirklich überrascht war ich aber von den vielen Lindenbäumen in der Stadt. Linden, nahezu überall und reichlich. Die Linde ist ja nicht ganz einfach als Stadtbaum, auch wenn sie sich stadtklimatisch meist gut eignet und die perfekte Bienenpflanze ist. Aber Blattläuse lieben Linden leider auch und der Honigtau, den sie absondern, ist eine ziemlich klebrige und unangenehme Sache: färbt Bodenbeläge, verklebt Bänke, den Autolack und auch die Fahrräder. Doch nichts geht über den betörenden Lindenduft zur Blütezeit im Juni und Juli, der mich immer ganz schummrig im Kopf macht. Wunderbar. Und so spazierte ich durch Münster, staunte darüber, wieviele Fahrradfahrer in eine Stadt passen und wie gemütlich das trotzdem sein kann und landete schließlich auf dem Domplatz mit seinem merkwürdig verbauten und gestückelten, halb romanischen und halb gotischen Dom, dessen Türme etwas zu breit und zu kurz geraten sind. Auf dem Platz einer der größten und schönsten Wochenmärkte, voller Menschen und sehr entspannt trotz Regen. All das gerahmt von Linden – großen und kleinen, alten und jungen als Baumhaine und frei, schier gar wahllos, verteilt als Solitäre, dazu ein altes Natursteinpflaster. Das war so schön, dass ich mir unweigerlich die Frage stellen musste, warum manch neuer Platz trotz aufwendiger Planung so trostlos daherkommt? Neigen wir dazu, alles totzuplanen und  sollten wir bei den Bäumen nicht einfach mutiger sein? Dann tropft es eben.